Streuobst nutzen

Um landschaftsprägende Streuobstbestände zu erhalten, ist es unverzichtbar, das Obst angemessen „in Wert zu setzen“. Der nachfolgende Beitrag zeigt erfolgversprechende Maßnahmen und Optionen für einen Erhalt durch Nutzung auf.

Momentan gelten die Brennereien noch als eine bedeutende Verwertungsmöglichkeit für Früchte aus Streuobst. Um feine Destillate herzustellen, bedarf es allerdings deutlich mehr Technik und Fachwissen.
Foto: Dr. J. Lorenz

Die Streuobstbestände sehen in vielen Regionen schlecht und ungepflegt aus. Gerade hier zeigen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte im ländlichen Raum deutliche Auswirkungen. Spezialisierung in der Landwirtschaft und allgemein gestiegener Lebensstandard haben die wirtschaftliche Bedeutung der hochstämmigen Obstbäume kontinuierlich sinken lassen. So fallen Streuobstflächen oftmals komplett brach.
Im besten Fall wird das Grünland genutzt, im Herbst bleiben die Früchte aber liegen. Bei Mostobstpreisen von zeitweise etwa 4 €/dt in der Saison 2014 ist das nachvollziehbar. Ein Umweltverband fordert einen Preis von 25 €/dt Äpfel, damit Streuobst einigermaßen attraktiv erhalten und dringend benötigte Neupflanzungen vorgenommen werden können.
Hier klafft eine große Lücke, die symptomatisch das Problem zeigt. Eines ist klar, wenn die Bäume nicht mehr gepflegt werden, dauert es nicht lange, bis sie zusammenbrechen und dauerhaft verloren sind. Damit geht die hohe ökologische Leistung der Streuobstflächen verloren und das ist nicht sinnvoll und auch nicht gewollt. Streuobstwiesen sind Kulturflächen, die gepflegt und betreut werden müssen. Noch bis vor einigen Jahrzehnten hatten die Bäume und das produzierte Obst einen hohen Wert und waren bedeutsam für die Selbstversorgung mit frischem Obst sowie als regionale Rohstoffquelle für Verarbeitungsprodukte.

Bis in die 1970er Jahre wurden beispielsweise Hauszwetschen aus dem Streuobst über Raiffeisengenossenschaften erfasst und gehandelt. Heute fehlt dafür u. a. die Zertifizierung dieser Produzenten. Durch Konzentrationsprozesse bei den Keltereien ist heute selbst eine Erfassung von Mostäpfeln in verschiedenen Regionen schwierig, so dass auch diese Veränderung zu einer abnehmenden Nutzung der Flächen führt, weil die Früchte nicht mehr ohne extremen Aufwand angedient werden können.
Die Gründe von mangelnder Pflege und Nutzung mögen vielschichtig und komplex sein. Es bringt an dieser Stelle nichts, alten Zeiten nachzutrauern. Im offenen Umgang mit der Situation können verschiedene angepasste Lösungen erarbeitet werden. Gerade im Streuobstbereich ist die Zeit dafür vermutlich nie besser gewesen. Denn durch das öffentliche Bewusstsein sind sehr viele Akteure für das Thema sensibilisiert und motiviert, etwas zu bewegen.

Klassische Aufpreisvermarktung
Höhere Preise für die Rohware schaffen mehr Motivation, die Früchte zu ernten und sammeln. Zahlreiche Streuobstinitiativen zahlen einen höheren Preis für die angelieferte Ware als den üblichen Marktpreis. Die Systeme sind unterschiedlich konzipiert und bieten entweder einen fixen Aufpreis von wenigen Euro zum aktuellen Marktwert oder einen über mehrere Jahre stabilen und kalkulierbaren Preis unabhängig von der Erntemenge. Vorteile zeigen beide Lösungen. Begrenzend können Saft- oder Vermarktungskapazität, Regionalität oder die Erfassungsmöglichkeiten sein. Auf jeden Fall braucht man Akteure, die diese Systeme organisieren. Aus unserer Sicht sind rein ehrenamtlich tätige Menschen damit oftmals überfordert, so dass eine professionelle Unterstützung wünschenswert wäre.
Wenn keine höheren Preise erzielbar sind, kann auf der Produktionsseite versucht werden, die Kosten zu minimieren. Im Streuobstbereich wird noch sehr viel Handarbeit betrieben, was sich in hoher Qualität der Produkte zeigt. Teilweise ist es möglich, durch Einsatz von Maschinen zeitintensive Arbeitsschritte zu optimieren. Durch Schüttelgeräte und Obstsammel- maschinen kann die Ernte schneller und damit kostengünstiger vorgenommen werden. Auch ein Baumschnitt mit Hilfe eines Hochentasters wäre zu diskutieren.


Die Vielfalt der Säfte und Weine ist beeindruckend.
Foto: Dr. J Lorenz

Durch Sammelmaschinen kann die Ernte schneller und damit kostengünstiger erfolgen.
Foto: Dr. J. Lorenz



Wertschöpfung selbst generieren
Die Erlöse aus Streuobst können zusätzlich erhöht werden, wenn es gelingt, eine zusätzliche Stufe der Wertschöpfung im eigenen Betrieb zu halten. Dies ist beispielsweise durch die eigene Verarbeitung der Früchte zu Saft oder Viez denkbar, wenn Arbeitskapazitäten vorhanden sind. Mit wenig Aufwand kann durch mobile Keltereien der eigene Apfelsaft vor Ort erzeugt und in Bag-in-Box-Gebinde abgefüllt werden. Im Hofladen oder über regionale Strukturen lässt sich dieser gut absetzen.

Die Herstellung von Viez oder feinen Destillaten bedarf deutlich mehr Technik sowie Fachkenntnisse und ist nicht immer und überall möglich. Durch das Auslaufen des Branntweinmonopols in 2017 sind gerade für den Bereich der Brennerei zusätzlich neue Lösungen zu suchen. Momentan gelten die Brennereien noch als eine bedeutende Verwertungsmöglichkeit für Früchte aus Streuobst. Die Vermarktung von Streuobst als Tafelfrucht ist ein interessanter Ansatz. Diesem sind aus unterschiedlichen Gründen jedoch relativ enge Grenzen gesetzt. Zunächst müssen die Früchte mit dem aktuellen Marktangebot der Tafelsorten konkurrieren.
Viele Streuobstsorten sind traditionelle Wirtschaftsfrüchte und geschmacklich nicht so hochwertig, dass sie mit Genuss roh gegessen werden. Das schränkt das Angebot zunächst einmal ein. Die Ernte am Hochstamm ist sehr aufwendig, so dass viele Baumeigentümer auch bei guten Preisen die Mühe scheuen, Früchte zum Verkauf zu pflücken. Durch oftmals fehlende Pflege und Kulturführung ist der so genannte pack-out (vermarktungsfähige Ware) relativ niedrig. Ein weiterer Ansatz kann aber sein, gute Früchte aus dem Streuobstbau zu getrockneten Apfelchips zu verarbeiten. Damit ist wiederum eine Stufe der Wertschöpfung im Betrieb gehalten und das Produkt ist ganzjährig anzubieten. Für diese Nutzungsoptionen wird verschiedentlich diskutiert, im Streuobst wieder einen Basispflanzenschutz zuzulassen.

Events und Tourismus
Regionale Spezialitäten bieten eine gute Chance, sich und die Region zu positionieren. Das gelingt wohl selten als einzelner Betrieb alleine, kann für eine Gemeinde oder eine Region jedoch eine Option sein, wenn es professionell umgesetzt wird. Jeder kennt Sachsenhausen als Äppelwoi- und Kneipenviertel von Frankfurt. Und in Bollendorf in der Südeifel ist zum Apfelfest im September kurzfristig kein Pensionszimmer zu bekommen. Das Trierer Viezfest hat nach den letztjährigen Erfolgen gutes Entwicklungspotenzial. Oder die länderübergreifende Viezstraße (Route du Cidre) von Konz nach Saarlouis. Sie ist ein Beispiel für integrierte Regionalentwicklung, die Tourismus, regionale Eigenschaften und Erlebnis kombiniert. Die Liste ist problemlos verlängerbar.

Durch Portale im Internet wie www.Streuobsttage.de oder den Aktionszeitraum der IG-Streuobst im Herbst können auch eigene und individuelle Veranstaltungen einem breiten Publikum angezeigt und beworben werden. Auch hier ist Potenzial vorhanden, das genutzt werden kann. Streuobst und Streuobstprodukte müssen positioniert und kommuniziert werden. Gemeinsam ist da einiges möglich. Moderne Kunden wollen Erlebnis, Events und Entspannung. Streuobst muss Spaß machen und Freude bereiten. Unsere moderne Gesellschaft ist in vielen Bereichen auf Flexibilität und Spezialisierung ausgerichtet. Viele Arbeitnehmer können heute nicht verlässlich für die kommenden Jahre planen. Da ist es verständlich und nachvollziehbar, wenn keine Verpflichtung für ein Grundstück mit Streuobstwiese eingegangen werden kann. Denn dies wäre eine Obligation für viele Jahre. Ganz davon abgesehen, ob es überhaupt Verkäufer gäbe und man als Neubürger und Zugezogener in die engere Käuferwahl käme. Auf der anderen Seite hat sich in der Gesellschaft ein starkes Bedürfnis nach Landleben, Natürlichkeit und Authentizität entwickelt. Diese Strömungen gilt es heute zusammenzubringen.

In verschiedenen Regionen wird eine so genannte Streuobstbörse angeboten, bei der sich mittels
Internetplattform Bieter und Suchende in Sachen Streuobst finden können. Sei es Kauf, Pacht oder nur Fruchtnutzung der Überschüsse. Zu prüfen wäre auch, ob landwirtschaftliche Betriebe, die noch größere Streuobstbestände haben, lediglich die Fruchtnutzung ihrer Bäume verkaufen und weitere Dienstleistungen zu Streuobst anbieten könnten. Schnitt und Pflege der Bäume erfolgt in diesem Konzept über den Betrieb, Ernte durch den „Käufer“. Kombiniert mit dem Angebot eines Kelterevents mit mobiler Kelterei könnte der „Käufer“ dann aus selbst aufgelesenen Früchten „seinen“ Saft auf dem Hof pressen lassen. In diesem Fall wären Obst- und Flächennutzung entkoppelt, die Bäume durch die erneute Wertsetzung aber längerfristig erhalten. Betriebe mit Hofladen könnten dadurch zusätzliche Kunden an sich binden. Teilweise gehen Gemeinden wieder dazu über, die Streuobstbäume auf den Gemeindeflächen zur Ernte zu versteigern. Selbst das kann als Event zelebriert werden und steigert die Identifikation mit dem Wohnort.

Bildung und Ausbildung
Heute sprechen wir vielfach von Wissenserosion im Bereich Streuobst. Die Generation der Großeltern hat zwar noch das Wissen der Streuobstpflege und Nutzung, nicht aber deren Kinder. Nun gibt es einen Ansatz, die Eltern und Großeltern über die jüngste Generation in Kinder- gärten und Schulen zu erreichen und damit die Beschäftigung mit dem Thema Streuobst in den Familien neu anzuregen. Dies ist insbesondere für die Nutzung der eigenen Flächen von Interesse oder aber für die Nachfrage nach Streuobstprodukten im Handel. Bei Fragen hierzu kann man sich an die Streuobstberatung Rheinland-Pfalz wenden. Eine erste Kontaktaufnahme kann per E-Mail unter streuobst@dlr.rlp.de erfolgen.
Die traditionellen Strukturen im Streuobst sind durch Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten
vielfach nicht mehr vorhanden und heute auch nicht mehr realistisch. Um die landschaftsprägenden
Streuobstbestände zu erhalten ist aus obstbaufachlicher Sicht fast jede Maßnahme der Nutzung der Flächen sinnvoll. Denn die Nutzung der Obststoffe ist die Gewähr dafür, dass die Fläche als Streuobst bestehen bleibt. Damit verbunden ist eine ökologische Leistung des Habitats immer gegeben. Ein Brachfallen und eine Sukzession der Flächen bzw. eine Umwandlung zu Wald oder Acker wäre regelmäßig die ökologisch schlechtere Alternative für das Streuobst.


Durch Streuobstbildung bei Kindern kann der Zugang zu den Eltern
gelingen. Foto: Dr. J. Lorenz



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