Aus der Beraterpraxis: Jungvieh in Zeiten knapper Grundfuttermittel füttern

Inwieweit kann das Jungvieh mit Stroh und Kraftfutter gefüttert werden, um die wertvollen - aber in diesem Jahr knappen - Grundfuttervorräte für die Laktierenden aufzusparen? Diese Anfrage trifft aktuell bei den Fütterungsberatern ein.


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Bei dieser Art der Fütterung sind folgende Grundsätze zu beachten:
  • Zur Erzeugung einer gut entwickelten, gesunden und leistungsfähigen Färse ist die Deckung des Energie-, Protein- und Mineralstoffbedarfes von entscheidender Bedeutung.
  • Bis zu einem Alter von 6 Monaten dürfen bei der Fütterung keine Kompromisse eingegangen werden. Die Stroh-/Kraftfutterfütterung kommt nicht in Frage. Die Ration der Laktierenden ist vorzulegen.
  • Eine bedarfsgerechte Jungviehration für alle Rinder gibt es nicht.
  • Zu berücksichtigen sind die unterschiedlichen Alters- und Gewichtsabschnitte mit ihren verschiedenen Bedarfsanforderungen und Tageszunahmen. Je homogener die zu fütternde Gruppe vom Alter und Lebendgewicht her ist, desto weniger Kompromisse sind bei der Deckung des Nährstoff- und Energiebedarfes erforderlich.
  • Die Intensität der Fütterung hängt vom angestrebten Erstkalbealter der Färsen ab. Bei einem Erstkalbealter von 24 Monaten sind ab 7 Monaten anfangs ca. 850-900 g Tageszunahmen und bei Erreichen des letzten Altersabschnittes (19-24 Monate) noch 650 g Tageszunahmen erforderlich.
  • Rationsberechnungen sind unbedingt anzustellen, da bei einer Strohfütterung die notwendigen Mengen an Energie- und Proteinfutter häufig unterschätzt werden. Je nach Gewichtsabschnitt und Tageszunahmen kann eine bedarfsgerechte Ration durchaus 50 % an Kraft- und Proteinfutter, bezogen auf die Trockenmasse, erfordern.

Die Futtermittel:
  • Falls möglich, sind die Rationen in Form einer Mischung herzustellen.
  • Das Stroh sollte von bester Qualität sein, was aufgrund der trockenen Witterung in diesem Jahr vielfach gewährleistet ist. Weichere Stroharten wie Gerste sind gegenüber Weizen zu bevorzugen. Das Stroh sollte mittels Strohmühle gemahlen (Lohnunternehmer) oder sehr kurz gehäckselt sein. Längen bis 2,5 cm sind ideal, um die erforderliche Futteraufnahme zu gewährleisten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die großen Strohmengen liegen bleiben und nur die übrigen Komponenten gefressen werden.
  • Strohballen wiegen. Dadurch gewinnt man einen Überblick, ob die Tiere die gerechneten Strohmengen tatsächlich fressen.
  • Aus Gründen der Schmackhaftigkeit und der Bindungsfähigkeit ist Melasse einzusetzen. Zudem verhindert sie das selektive Fressen. Sie ist an einem Ort zu lagern, der auch in kühleren Jahreszeiten die Fließeigenschaft gewährleistet.
  • Kraftfutter: Eigenes, geschrotetes Getreide ist aus Kostengründen zu bevorzugen.
  • Der Einsatz des Milchleistungsfutters der Laktierenden mag aus arbeitswirtschaftlichen und logistischen Gründen nahe liegen, ist aber aus Kostengründen nicht zu empfehlen. Diese Futter sind in der Regel durch hohe nXP-Werte (Protein am Darm) teurer. Die Jungviehrationen sind eher am N-Bedarf der Pansenmikroben auszurichten, so dass die Empfehlungen zur Versorgung auf Basis Rohprotein gegeben werden.
  • Die Mehlform des Kraftfutters ist zu bevorzugen, um in Verbindung mit dem kurz gehäckselten Stroh und der Melasse ein Anhaften am Stroh zu gewährleisten.
  • Proteinfutter: Rapsextraktionsschrot ist gut geeignet und hat sich in vielen Milchkuhrationen etabliert. Bei Betrieben, die bisher keine Erfahrung mit diesem Futtermittel haben, herrscht nach wie vor Skepsis. Früher beeinträchtigten die Glucosinolate (Senföle) der alten Rapssorten die Futteraufnahme. Inzwischen gehören glucosinolatarme Sorten zum Standard, so dass der Einsatz bedenkenlos möglich ist.
  • Mineralfutter: Ein phosphorfreies Mineralfutter ist einsetzbar, da über das Rapsextraktionsschrot der Phosphor-Bedarf mehr als gedeckt ist. Eine minimale Vitaminversorgung wird durch das Mineralfutter zusätzlich gewährleistet. Bei der klassischen Jungviehfütterung werden Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine bereits zu einem großen Teil über die Grassilage geliefert.
  • Futterkalk: Die Tiere befinden sich im Wachstum, so dass zum Aufbau der Knochen Calcium erforderlich ist. Um nicht das deutlich teurere Mineralfutter in der Einsatzmenge erhöhen zu müssen, kann Futterkalk als preiswerte Alternative zum Einsatz kommen.

Rationsbeispiel:
Jungrind, 300 kg Lebendgewicht (etwa 10 Monate), 850 g Zunahme pro Tag:
Die Futtermittel (pro Tier und Tag):
Futtermittel
FM* kg
Stroh, Gerste
3,20
Gerste geschrotet
1,40
Triticale geschrotet
1,40
Rapsextraktionsschrot
0,95
Melasse Zuckerrüben (flüssig)
0,30
Mineralfutter (23/0/8/3,5)
0,02
Futterkalk
0,05
Summe
7,32
*FM = Frischmasse

Kennwerte der Rationen (in g/kg TM, außer TM-Aufnahme):
Kennwerte*
Ration g/kg TM
Soll-Werte g/kg TM
Trockenmasseaufnahme (kg Tier/Tag)
6,36
6,1 – 6,9
ME (Umsetzbare Energie)
10,0
10,0
MJ NEL
6,1
6,1
Rohprotein
125
120
Rohfaser
225
min. 180
NDF org
2.967
3.000
* Kennwerte der Ration bei 300 kg Lebendgewicht und 850 g/Tag tägliche Zunahme
* NDF = Neutral-Detergentien-Faser; 10 g/kg Lebendmasse


Mineralstoffe (pro Tier und Tag):
Mineralstoffe
Ration g/Tag*
Soll-Werte g/Tag**
Calcium
39,2
37
Phosphor
24,5
19
Magnesium
11,1
8
Natrium
7,0
6
Kalium
66
63
* Kennwerte der Ration bei 300 kg Lebendgewicht und 850 g/Tag tägliche Zunahme
** Empfehlungen g/Tag bei 350 kg Lebendgewicht und 800 g/Tag tägliche Zunahme gemäß GfE (2001)

Fazit:
Dieses Fütterungskonzept stellt eine Notlösung bei unzureichenden Grundfuttervorräten dar, weil die Laktierenden bei der Versorgung oberste Priorität genießen. Betrachtet man die Kostenseite, so wird umso deutlicher, dass dieses Konzept nur greift, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
Dennoch ist die Fütterung des Jungviehs rein rechnerisch mit Stroh und Kraftfutter möglich. Eine Herausforderung ist die Erzeugung einer homogenen Mischung, damit die erforderliche Futteraufnahme bei dieser relativ großen Strohmenge gewährleistet ist. Grundsätzlich wird diese durch die Größe des Verdauungsraumes der Jungtiere begrenzt.
Entscheidet man sich für dieses Fütterungskonzept, sind die eingangs beschriebenen Anforderungen unbedingt einzuhalten.
Der Kontakt mit dem Fütterungsberater zur Erstellung eines Rationsvorschlages ist unverzichtbar. Es gilt, eine betriebsindividuelle Lösung zu suchen, die eine bedarfsgerechte und arbeitsorganisatorisch umsetzbare Fütterungsstrategie für das Jungvieh ermöglicht.

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Birgit.Koeppchen@dlr.rlp.de     www.DLR-Eifel.rlp.de drucken