Qualitätsweinmarkt spürt Nachfrageverschiebung - Halbjahreszahlen der Qualitätsweinprüfung

Stand: 10/12/2020

Regelmäßig wertet das Kompetenzzentrum Weinmarkt & Weinmarketing Rheinland-Pfalz in Oppenheim die Halbjahreszahlen der Qualitätsweinprüfung zum Stichtag 30.6. aus. Die Daten hierfür stellt die Landwirtschaftskammer (LWK) Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach zur Verfügung. Die Anstellungsmengen lassen Aussagen zu über das Vermarktungspotenzial der nächsten Monate und erlauben damit quasi einen Blick in die Zukunft des Weinmarktes. Bernd Wechsler analysiert die Trends und Entwicklungen für Rheinland-Pfalz.



Qualitätsweinmenge fast auf Vorjahresniveau
Die Qualitätswein-Anstellungen in Rheinland-Pfalz lagen zur Jahresmitte 2020 bei rund 2,86 Mio. hl im Bereich des Vorjahres (-0,3 %). Trotz Corona-Krise hat sich der Markt damit insgesamt betrachtet auf einem sehr guten Niveau stabilisiert. Bei den Betriebsgruppen Weingut, Kellerei und Winzergenossenschaft gab es aber sehr unterschiedliche Entwicklungen, auf die in der Folge näher eingegangen werden soll.

Weingüter haben zum 30.6.2020 fast 11,7 Mio. l weniger Qualitätswein angestellt als im Vorjahr. Das entspricht einem Rückgang von -11,6 %. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen ist die Ernte 2019 deutlich kleiner als in 2018 ausgefallen. Zum anderen beeinflusste die sich abzeichnende Corona-Krise die Anstellungsmengen der Betriebe im Frühjahr. Mit dem Ausbruch der Pandemie und dem folgenden Lockdown im März zeichnete sich schnell ab, dass die Exportmärkte und vor allem die Gastronomie stark betroffen sein werden. So haben viele Flaschenwein vermarktende Weingüter vorsichtiger gefüllt oder Füllungen verschoben.
In allen rheinland-pfälzischen Anbaugebieten gingen die Anstellungszahlen der Weingüter zurück. Am stärksten waren die Rückgänge mit -21,8 % an der Mosel und im kleinsten rheinland-pfälzischen Anbaugebiet dem Mittelrhein (-36,7 %). Allerdings waren dort die Mengen 2019 auch außergewöhnlich hoch und der Rückgang in 2020 deshalb prozentual entsprechend größer. Auch an der Nahe lagen die Qualitätsweinanstellungen um -10,5%, in Rheinhessen -8,4 % und in der Pfalz um -6,8 % unter dem Vorjahreswert. Neben dem Ausbleiben der Bestellungen seitens der Gastronomie, belastet die Weingüter vor allem die Absage von Weinfesten und Veranstaltungen, ob auf dem Hof oder außerhalb der Weinbauregionen. Betriebe, die sich auf solche Events spezialisiert haben, sind besonders von den Absatzrückgängen betroffen.

Kellereien profitieren vom veränderten Konsumverhalten
Ganz anders ist die Situation im Kellereisektor, wo vor allem die großen Unternehmen einen Vermarktungsschwerpunkt im Lebensmittelhandel und im Discount haben. Die Anstellungsmenge von Kellereien ist zur Jahresmitte um 5,3 % gestiegen und erreicht mit insgesamt 1,6 Mio. hl den höchsten Wert seit 10 Jahren. Kellereien profitieren vom veränderten Einkaufsverhalten der Verbraucher während der Corona-Krise. Mit der Schließung von Hotels, Restaurants, Bars usw. verlagerte sich der Außer-Haus-Konsum in die eigenen vier Wände. Lebensmitthandel und Discounter verzeichneten im zweiten Quartal 2020 zweistellige Zuwachsraten beim Weinverkauf. Das belegen die Zahlen von Marktforschungsinstituten. Bei Wein von Hamsterkäufen zu sprechen, wäre sicher übertrieben. Aber Verbraucher gönnten sich in häuslicher Quarantäne vor allem um die Osterfeiertage das ein oder andere Glas extra. Davon konnten auch die Winzergenossenschaften profitierten, die ebenfalls zu den wichtigen Lieferanten des Lebensmittelhandels zählen. Seit dem Jahr 2005 analysieren wir nun die Halbjahreszahlen der Qualitätsweinprüfung in Rheinland-Pfalz. Noch nie haben Genossenschaften im ersten Halbjahr so viel Weine zur Prüfung gemeldet wie 2020. Insgesamt waren es knapp 375.000 hl und damit 8,1 % mehr Anstellungen als im Vorjahr. Ein Vorhersage der gesamten Anstellungsmenge für das ganze Jahr 2020 auf Basis der Halbjahreszahlen ist derzeit mit mehr Unsicherheit verbunden, als in den Vorjahren. Es ist nicht klar, ob Weingüter die im Frühjahr eher vorsichtig gefüllt haben, noch einmal nachfüllen müssen. Das hängt natürlich von der Entwicklung des Absatzes ab, der sich aber für viele Betriebe positiver gestaltet hat, als zunächst befürchtet. Andererseits ist die Gefahr einer zweiten Corona-Welle noch lange nicht gebannt. Diese hätte fatale Auswirkungen auf die Wirtschaft insgesamt und in besonderem Maße für die Gastronomie, die sich nach dem wochenlangen Shutdown gerade erst zu erholen beginnt. Das Gastgewerbe kämpft ums Überleben. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) befürchtet eine Insolvenzwelle im Herbst. Eine nochmalige Zwangsschließung würde für viele Betriebe des Gastgewerbes das endgültige Aus bedeuten. Unter der Voraussetzung, dass es zu keinen weiteren außergewöhnlichen Marktverwerfungen aufgrund von Corona kommt, wird die Qualitätsweinmenge aus Rheinland-Pfalz auch im Jahr 2020 die 5 Mio. hl-Marke knacken. Günstigenfalls wird die Anstellungsmenge sogar leicht über 2019 liegen. Auch wenn es in jeder Betriebsgruppe sowohl Gewinner als auch Verlierer der Pandemie gibt, ist die Weinwirtschaft bislang im Vergleich zu anderen Branchen gut durch die Krise gekommen.


Abb 1: Qualitätsweinanstellungen Rheinland-Pfalz zum 30.6. nach Betriebsgruppen


Weinarten – leichter Rückgang bei Weißwein
Wirft man einen Blick auf die Entwicklung bei den Weinarten, so ist seit Jahren ein Trend hin zu attraktiven Weißweinsorten zu beobachten. Im letzten Jahr schrammte die Menge an Weißweinanstellungen zur Jahresmitte nur knapp an der 2-Mio-hl-Marke vorbei. Auch wenn Weißweine um -1,9 % zurückgegangen sind, liegt die Gesamtmenge mit 1,96 Mio. hl nur knapp unter dem Höchstwert aus 2019. Rotweine halten die Position mit einem leichten Plus von 0,3 %. Neben Weißwein liegen Roséweine seit Jahren im Trend. Deren Anstellungsmenge steigt auf beachtliche 0,34 Mio. hl (+8,6 %). Insgesamt bleiben die mengenmäßigen Marktanteile von Weißwein (70 %) gegenüber Rot- und Rosé- (zusammen 30 %) weitgehend konstant.


Abb 2: Anstellungen nach Weinarten

Spürt der Riesling den Rückgang im Export?
Die Anstellungen von Riesling in Rheinland-Pfalz sind zur Jahresmitte 2020 um -4,6 % auf insgesamt 737.324 hl gesunken. Bei der mit Abstand wichtigsten weißen Rebsorte werden die Auswirkungen der Veränderungen des Einkaufsverhaltens der Verbraucher während der Corona-Krise besonders deutlich. Während Kellereien ein Plus von 3 % aufweisen und Winzergenossenschaften gar um 16 % mehr Riesling anstellen als im Vorjahr, sind die Anstellungen der Weingüter um über 20 % zurückgegangen. Besonders krass sind die Rückgänge an der Mosel, wo Weingüter zum 30.6.2020 - 27,3 % weniger Riesling angestellt haben. Wie oben bereits erwähnt, ist der Rückgang prozentual auch deshalb so hoch, weil Weingüter in 2019 eine außerordentlich große Riesling-Menge angestellt haben. Gerade an der Mosel zeigt sich wohl aber auch die Betroffenheit der Tourismusregionen und der Exportmärkte durch die Corona-Krise ganz besonders deutlich.

Weiter kräftig nach oben ging es mit den Anstellungen von Grauburgunder. Zur Jahresmitte wurden 253.133 hl geprüft. Das entspricht einem Plus von 14,8 %. Richtiggehend durch die Decke gingen die Anstellungsmengen der Kellereien mit einem Zuwachs von fast 40 %. Der trockene Grauburgunder ist der Renner des Jahres im Handel und quasi zum Inbegriff des Easy-drinking-Weins aus Deutschland geworden. Erstmals hat Grauburgunder den Müller-Thurgau in 2020 von Platz 2 der meistangestellten weißen Rebsorten verdrängt. Vom Müller-Thurgau werden vor allem von Kellereien weiterhin sehr bedeutende Mengen angestellt. In 2020 gingen diese aber um -7 % auf insgesamt 227.673 hl zurück. Auf Platz 4 der angesagten weißen Qualitätsweine steht weiter der Weißburgunder (161.967 hl). Silvaner folgt auf Platz 5 (73.382 hl) mit einem leichten Mengenzuwachs. Weiter auf Wachstumskurs ist auch der Sauvignon blanc, der in 2020 um 6,2 % auf über 46.000 hl zulegen konnte und dies über alle Betriebsgruppen hinweg. Beim Chardonnay (43.347 hl) hingegen wurde die Höchstmarke aus 2019 deutlich verfehlt (- 11 %), was auch hier im Wesentlichen auf die geringeren Anstellungszahlen von Weingütern zurückzuführen war.

Rotweinanstellung dank Dornfelder stabil
Die Rotweinanstellungen in Rheinland-Pfalz lagen in 2020 mit 554.413 hl leicht (+0,3 %) über denen von 2019. Das ist fast ausschließlich auf die gute Entwicklung beim Dornfelder (+ 4,9 %) zurückzuführen. Dornfelder ist und bleibt mit weitem Abstand der wichtigste Rotwein für die Kellereien. Im Corona-Jahr legen diese mit Dornfelder Rotwein um 10 Prozentpunkte auf rd. 322.000 hl zu. Die Rückgänge der Anstellungen von Weingütern sind im gleichen Zeitraum zweistellig (- 18,2 %). Auf Dornfelder folgt der Spätburgunder in der Rangliste der Rotweine. Diese beiden Rebsorten alleine stellen mehr als 80 % der Rotweinmenge im Land. Im Gegensatz zum Dornfelder ist die Anstellungsmenge von Spätburgunder Rotwein (59.629 hl) aber seit Jahren rückläufig. Ein Grund: Spätburgunder Rotwein ist erklärungsbedürftig (u.a. wegen der hellen Farbe und der Säurestruktur) und tut sich beim größten Teil der deutschen Konsumenten einfach schwer. Dies war auch schon vor der Corona-Krise aus den Anstellungszahlen der LWK deutlich abzulesen.

Auf der anderen Seite findet Spätburgunder in der hellroten Ausbauvariante, als Rosé oder Weißherbst, immer mehr Liebhaber. 70.100 hl (+8,2 %) stehen zur Jahresmitte 2020 zu Buche. Überhaupt boomt der Rosémarkt auch in diesen schwierigen Zeiten gewaltig. Das Leitprodukt aus Rheinland-Pfalz ist der Portugieser Weißherbst mit 114.929 hl (+8,7 %). Mit etwas Abstand folgt Dornfelder Rosé 71.082 hl (+6,9 %), dicht gefolgt von Spätburgunder. Aber auch die Rosés aus den internationalen roten Klassikern, wie Merlot oder Cabernet Sauvignon finden zunehmend Freunde.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Qualitätsweinanstellungen in Rheinland-Pfalz sehr deutlich sind. Die Ende März befürchteten Einbrüche insgesamt aber weitgehend auslieben. Schon die Marktentwicklung im zweiten Quartal gab Anlass zur Hoffnung. Wenn es im Laufe des Jahres zu keinen massiven Einschränkungen aufgrund einer zweiten Corona-Welle kommt, kann das Weinjahr 2020 noch für positive Schlagzeilen sorgen.


Abb 3: Entwicklung wichtiger Leitprodukte in Rheinland-Pfalz

Kurze Zusammenfassung der Auswertung der LWK-Halbjahreszahlen zum 30.6.2020:
  • Die Qualitätsweinmenge in Rheinland-Pfalz liegt mit 2,86 Mio. hl fast auf Vorjahresniveau
  • Corona-Lockdown verändert das Einkaufsverhalten von Verbrauchern
  • Lebensmittelhandel meldet zweistelliges Plus beim Weinverkauf
  • Kellereien (+5,3 %) und Winzergenossenschaften (8,1 %) legen kräftig zu
  • Anstellungen von Weingütern gehen um 11,6 % zurück
  • Betriebe mit Schwerpunkt im Gastgewerbe, Veranstaltungen und Export besonders betroffen

Bernd Wechsler, Leiter Kompetenzzentrum Weinmarkt & Weinmarketing


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