Scheurebe vs. Sauvignon blanc – Aromasorten im Wettbewerb

Stand: 10/12/2020

Weiße Aromasorten liegen im Trend. Diesen Eindruck kann gewinnen, wer bei den Discountern und im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) auf Einkaufstour geht. Neben dem internationalen Sauvignon blanc, finden immer mehr deutsche Rebsorten, wie die Scheurebe, aber auch Gewürztraminer oder Bacchus den Weg in die Regale des Handels. Vorbei scheinen die Zeiten, wo aromastarke Rebsorten allenfalls in der großen Cuvée vermarktet wurden. „Gute-Laune-Weine, die mit einer Explosion an Aromen überraschen“ (Zitat ALDI-Prospekt), sind gefragt. Welche Entwicklungen am Qualitätsweinmarkt beobachtet werden können und wie nachhaltig diese sind, analysiert Bernd Wechsler vom Kompetenzzentrum Weinmarkt & Weinmarketing in Oppenheim.


In Rheinland-Pfalz ist der Riesling mit weitem Abstand die bedeutendste Rebsorte. Fast 40 % der Weißweinfläche (17.777 ha) sind mit Riesling bestockt. Und noch immer kommen jedes Jahr neue Flächen (2019: + 144 ha) hinzu. Wachstum gibt es zudem bei den Burgundersorten, Ruländer (4.329 ha) und Weißburgunder (3.504 ha) sowie beim Chardonnay (1.758 ha). Aber auch die Rebfläche von weißen Aromasorten steigt. Das liegt vor allem am Sauvignon blanc, der mit 14 % die größten jährlichen Zuwachsraten aller weißen Rebsorten aufweist. Im Jahr 2019 rückte der Sauvignon blanc mit einer Anbaufläche von 1.176 ha auf Platz 8 der weißen Rebsorten. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von 144 ha. Gleichzeitig kam der Flächenrückgang bei Scheurebe (1.143 ha) zum Stillstand. Auf Platz 10 der Rangliste der weißen Rebsorten kommt Gewürztraminer mit 769 ha (+5,2 %). Knapp dahinter auf Platz 11 steht mit Bacchus (766 ha) eine weitere aromastarke weiße Rebsorte im Anbau.

Pfalz ist Vorreiter beim Sauvignon blanc
In Sachen Sauvignon blanc haben Pfälzer Winzer am schnellsten auf den Aromatrend reagiert. Mittlerweile sind dort 600 ha mit dem internationalen Klassiker bestockt. Mit etwas Abstand folgt Rheinhessen, wo 2019 489 ha bestockte Rebfläche gemeldet wurden. Die restlichen 85 ha verteilen sich im Wesentlichen auf die Anbaugebiete Nahe und Mosel.


Abb 1: Qualitätswein-Anstellungen von Aromasorten in RP


Entscheidend für die Bedeutung einer Rebsorte ist neben der bestockten Rebfläche vor allem, wie sie am Markt wahrgenommen wird. Nicht jede im Anbau befindliche Rebsorte taucht auch namentlich auf dem Etikett auf. Rebsorten „verschwinden“ in Cuvées oder in anderen Erzeugnissen wie Sekt, Perlwein oder Traubensaft. Es lohnt deshalb ein Blick auf die Anstellungszahlen der Qualitätsweinprüfung.

Nicht nur bei der bestockten Rebfläche, sondern auch bei den Qualitätswein-Anstellungen ist Sauvignon blanc heute die wichtigste Aromasorte in Rheinland-Pfalz. Und der Aufwärtstrend ist vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Umstellung auf „südländische“ Rebsorten noch lange nicht abgeschlossen. Im Jahr 2019 wurde in Rheinland-Pfalz 62.500 hl bei der Landwirtschaftskammer zur Prüfung angestellt. Jährlich wachsen die Sauvignon blanc-Mengen durchschnittlich um 20 %. Das sind Werte, wie man sie aus den Zeiten des Dornfelder-Booms kennt. Wenngleich auch auf einem deutlich niedrigeren Gesamtniveau.


Abb 2: Qualitätswein-Anstellungen von Sauvignon blanc nach Betriebsgruppen

Sauvignon blanc aus Rheinland-Pfalz ist noch ein Produkt der Weingüter. Im Jahr 2019 wurden 52 % der Anstellungsmengen von Flaschenwein vermarktenden Weingütern angestellt. 43 % entfielen auf Kellereien. Aber unter der Betriebsgruppe „Kellerei“ findet sich sicher auch die ein oder andere Zukaufsgesellschaft eines Weinguts. Viele Direktvermarkter konnten die schnell wachsende Nachfrage nach Sauvignon blanc nicht über die eigene Traubenproduktion decken und bedienen sich bei den Fasswein produzierenden Kollegen. Als Indiz für diese Aussage darf auch gelten, dass sich kein wirklicher Preis am freien Fassweinmarkt bildet. Dies passiert erst dann, wenn die großen Kellereien mit ihren Kommissionären am Markt aktiv sind. Derzeit wird vieles auf direktem Weg von Weingut zu Weingut gehandelt.

Größere Mengen an deutschem Sauvignon blanc sind jedenfalls noch nicht bei den Discountern oder im LEH aufgetaucht. Das liegt zum einen sicher daran, dass Sauvignon blanc im Lebensmitteleinzelhandel mit Neuseeland, Südafrika und natürlich auch den französischen Herkünften besetzt ist. Vor allem für Neuseeland ist Sauvignon blanc die Leitrebsorte, was beim Verbraucher so auch mittlerweile gelernt ist. Zum anderen sind eben wohl noch nicht ausreichend Weinmengen für eine dauerhafte Listung im Handel verfügbar. Das wird sich bei gleichbleibenden Flächenzuwächsen in absehbarer Zeit sicher ändern. Auf jeden Fall leisten Flaschenwein vermarktende Weingüter mit international absolut konkurrenzfähigen Produkten derzeit wertvolle Vorarbeit, um zukünftig auch den LEH-Konsumenten von Sauvignon blanc aus Rheinhessen, der Pfalz und von der Nahe zu überzeugen. Geschmacklich ist der Sauvignon blanc aus Rheinland-Pfalz sehr klar positioniert. 86 % aller Anstellungen liegen im trocken, max. halbtrockenen Bereich. Nur 14 % im lieblich/süßen Geschmackskorridor. „Feinherbe“ Sauvignon blancs findet man eigentlich nur im Sortiment von Kellereien, die damit im Lebensmittelhandel die kleine Nische besetzen wollen, die von den Produzenten aus Übersee und Frankreich weniger bedient wird.

Scheurebe – der deutsche Sauvignon blanc
Vor vier Jahren feierte die Weinbranche den 100. Geburtstag der Scheurebe. Das war neben dem aktuelle Trend zu weißen Aromasorten sicher auch ein Grund, weshalb Kellereien und Handelshäuser auf die Alzeyer Züchtung aufmerksam geworden sind. Jedenfalls dürfte Scheurebe als der „deutsche Sauvignon blanc“ spätestens mit der Listung bei den Discountern nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Wein-Insidern ein Begriff sein. Wie bereits erwähnt, sind die Flächenrückgänge nahezu zum Stillstand gekommen. Scheurebe steht mit 1.143 ha derzeit auf Platz 9 der Hitliste der weißen Rebsorten in Rheinland-Pfalz. Rheinhessen ist mit 698 ha das Stammland der Scheu. 334 ha werden in der Pfalz und 109 ha an der Nahe angebaut. Die Qualitätsweinanstellungen von Scheurebe in Rheinland-Pfalz haben in den letzten vier Jahren eine durchaus beachtliche Entwicklung genommen. Im Jahr 2014 mit 28.819 hl noch auf einem Tiefststand hat sich die Anstellungsmenge bis 2019 nahezu verdoppelt (55.987 hl). 63 % aller Scheurebe-Anstellungen kommen aus Rheinhessen (34.985 hl), gut 28 % aus der Pfalz (15.710 hl) und knapp 9 % stammen aus dem Anbaugebiet Nahe (5.026 hl).

Immer, wenn es bei der Qualitätsweinprüfung zu solchen drastischen Veränderungen von einem zum nächsten Jahr kommt, sind Handelskellereien beteiligt. So auch bei der Entwicklung der Anstellungen von Scheurebe. Im Jahr 2017 stellten Kellereien 1 Mio. Liter mehr Scheurebe an als im Jahr davor. 2018 stieg die Anstellungsmenge noch einmal um rd. 800.000 l. In 2019 blieben die Anstellungen der Kellereien dann auf dem Vorjahresniveau bei knapp 30.000 hl.


Abb 3: Qualitätsweinanstellungen von Scheurebe nach Betriebsgruppen

Die „neue“ Vermarktungsschiene der Kellereien für Scheu sind ALDI, LIDL & Co.. In zeitlich befristeten Aktionen wurden in allen Discountern Scheurebe-Weine, teils auch im Cuvée mit Riesling, in einer Preiskategorie von 1,99 € bis 2,30 € angeboten. Das Preisniveau von Sauvignon blanc aus Neuseeland wurde damit nicht annähernd erreicht. Bei den Weingütern gibt es diese großen Mengensprünge von einem auf das nächste Jahr nicht. Dennoch ist auch die Entwicklung der Anstellungen von Weingütern positiv. 2019 haben Flaschenwein vermarktende Betriebe 22.523 hl Scheurebe angestellt. Das entspricht einer Steigerung von 9 %. Der 10-Jahres-Trend zeigt weiter nach oben. Eine Aussage zu treffen, wie nachhaltig die Entwicklung bei der Scheurebe sein wird, ist schwierig. Ein Indiz dafür sind sicher auch die Fassweinpreise. Diese hängen im Wesentlichen von der Erntemenge, aber eben auch von der Nachfrageentwicklung am Markt ab. Es zeichnet sich ab, dass sich die Scheurebe etwas von den Standardsorten lösen kann. Derzeit wird auf dem Fassweinmarkt ein kleiner Aufschlag gewährt. Das darf man sicher als positives Signal werten.

Fazit:
Die Anstellungsmengen von weißen Aromasorten entwickeln sich positiv. Vor allem beim Sauvignon blanc sind die Zuwächse groß. Der Markt für Flaschenwein vermarktenden Weingüter ist aber endlich. Die spannende Frage wird sein, ob es gelingt, mehr deutschen Sauvignon blanc im Lebensmittelhandel und Discount zu platzieren. Dort ist die Konkurrenz aus Frankreich, Neuseeland und Südafrika groß. Von Vorteil ist, dass viele Weinkunden gerne auf Entdeckungsreise gehen, ausprobieren und neue Geschmackserfahrungen suchen. Überraschendes und Neues zu bieten, ist in Zeiten immer kürzerer Produktlebenszyklen ein wichtiges Verkaufsargument; vor allem im Handel. Das erleben wir derzeit bei der Scheurebe. Positiv betrachtet, hat die Scheurebe durchaus das Alleinstellungspotenzial, um in der Nische der aromatischen Weißweinsorten erfolgreich zu sein.

Bernd Wechsler, Leiter Kompetenzzentrum Weinmarkt & Weinmarketing



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